Inflation und Preiseröhung bestimmen das Tagesgespräch in Nairobi. Irene berichtet aus dem Nest: “Wie alle anderen Einwohner spüren auch wir die Folgen der hohen Inflation. Der Umtauschkurs zum Euro beträgt im Moment 125 Kshs, letztes Jahr um diese Zeit stand er bei 102 Kshs. Die Preise steigen und steigen. Vorgestern wurden Strompreiserhöhungen angekündigt. Ein großer Teil des Stroms wird durch Dieselgeneratoren hergestellt, Diesel wird mit US$ eingekauft, daher die Erhöhung – so die Erklärung.
Gestern wurde der Benzinpreis wieder angehoben, was natürlich Preiserhöhungen auf allen Gebieten nach sich zieht. Zucker ist rationiert, pro Haushalt gibt es nur 2 kg, mancherorts gibt es gar keinen Zucker mehr. Und so finden sich immer öfter Kinder oder Mütter bei uns ein, die um Nahrungsmittel bitten und denen man ansieht, dass sie Hunger haben. Wir teilen natürlich mit ihnen, was wir haben.
Der hohe Benzinpreis macht es außerdem schwierig für uns, die nötigen Hausbesuche im Landesinneren durchzuführen oder auf Anfragen zu reagieren. Im Juli betrugen unsere Ausgaben für Benzin 505 € und für Fahrten mit dem Sammeltaxi (Sozialarbeiter, Kinder, Klientinnen) 130 €. Allein heute mussten wir 4x die Aufnahme eines Kindes ablehnen, weil die Fahrt zu weit gewesen wäre. Dafür wurden allein heute vom Jugendamt ein 3-jähriger Bub und ein Neugeborenes bei uns abgeliefert.
Wenn ich unser Budget mit dem des Vorjahres vergleiche, so stiegen unsere Gesamtausgaben bisher um 34%. Die Lebensmittel und Schulgeldausgaben um etwa 43%. Ein Beispiel: im Januar kostete ein 90 kg Sack Mais 24 €, im Mai schon 38 € und jetzt 41 €. 1 Sack reicht für etwa 1 Woche. 90 kg Bohnen kosten jetzt 60 € und 50g Reis 38 €. All das bei gleich bleibendem Spendenaufkommen aus dem Ausland (also Deutschland) und reduzierten Spenden aus dem Inland. Wir erhalten kaum lokale Geldspenden, aber dafür ab und zu Sachspenden oder Ermäßigungen bei Einkäufen. So z. B. erhielten wir seit 10 Jahren 5% Reduzierung bei unserem monatlichen (etwa 800-1000 €) Supermarkteinkauf von Hygieneartikel wie Seife, Waschmittel, Putzmittel, Desinfektionsmittel, Toilettenpapier, Zahnpasta etc und Nahrungsmittel wie Reis, Maismehl, Babybrei, Trinkwasser, Zucker, etc. Dieses Arrangement wurde nun letzte Woche gekündigt mit dem Hinweis, die Supermarktkette hätte bereits eine große Summe an den Hilfsfond für die Flüchtlingslager in Nordkenia gespendet. Dasselbe passierte bei unserem Frischmilchlieferanten (täglich), und der Autowerkstatt: dort erhielten wir bisher sogar 50% Ermäßigung. Inzwischen meldeten sich auch 3 der Schulen, die einige unserer Kinder besuchen, um uns mitzuteilen, dass wir ab jetzt die vollen Zahlungen zu leisten hätten.
Auch die Preise für Baumaterial steigen unaufhörlich. Wir hoffen, das Budget für unser Bauvorhaben wird dadurch nicht total gesprengt.”

Kinder helfen beim Ausladen von Säcken mit Grünkohl im Nest Kinderheim
Mitte August war Entwicklungsminister Niebel zu Besuch in Kenia. Er kündigte an 151,5 Mio. € für die Bekämpfung der Hungersnot in Ostafrika bereitzustellen. Zu diesem Zeitpunkt hatten Spender in Deutschland bereits 90 Mio. € für die Hungernden gespendet. In der Haupstadt Nairobi ließen sich unterschiedliche Reaktionen zur aktuellen Situation in Kenia vernehmen. Wir zitieren einige Stimme unserer einheimischen Mitarbeiter, Freunde und Besucher: “Wir wissen nicht, wo all das viele Geld (die Spenden der Weltgemeinschaft) hingeht!” „Wer hilft denn uns einfachen Leuten, wie sollen wir mit den hohen Preisen zurechtkommen?” „Ich musste meine Kinder aus der Schule nehmen, weil ich das Schulgeld nicht mehr bezahlen kann. Jetzt geht nur mehr unser Ältester zur Schule!” „Es war doch schon lange vorher bekannt, dass es zu dieser Katastrophe kommen würde. Aber keiner hat was dagegen unternommen!” “Warum hat die Regierung nichts dagegen unternommen, dass es so weit kommen konnte?” „Es ist besser, wenn die reichen Länder uns helfen, wir sind ja arm!“ „Wir haben viele Fragen an unsere Politiker. Aber wir fragen nicht, denn wir kriegen sowieso keine Antworten!“ „Wir sind stolz auf uns, wir können uns selber helfen!“ „In Kenia muss niemand an Hunger sterben. Aber wir können das Geld gut gebrauchen, um die Landwirtschaft zu verbessern.“ „Im nächsten Jahr sind Wahlen, da wird viel Geld gebraucht.“ „Wir können nur hoffen, dass die Spenderorganisationen die Spenden selbst verteilen, sonst kommt nichts an!“ „Die reichen Länder sollen mehr spenden!“
Und zu guter Letzt Stimmen aus der Mitarbeiter-Besprechung vom letzten Freitag: „Wir wollen eine Lohnerhöhung.“ „Wir brauchen bessere Löhne, das Schulgeld ist erhöht worden.“ „Alle Betriebe und Kinderheime erhöhen die Löhne, wann kriegen wir mehr?“ „Wir wissen, dass du [Irene] mit viel Geld aus Deutschland zurückgekommen bist; Deutschland hat ganz viel gespendet, das haben wir im Radio gehört!“