Geschichten aus dem Nest…

Filed under: Praktikumsberichte — MB at 6:47 pm on Monday, October 9, 2006

Liebe Freunde vom Nest!
Sechs Wochen habe ich diesen Sommer im Nest verbracht. Ich habe die Freude und das Leid der Kinder geteilt, ihre Sorgen und Nöte. Ich habe angepackt, wo ich konnte und auch selber viel dazu gelernt. Diese Zeit wird mir unvergesslich in Erinnerung bleiben! Ein paar Auzüge aus meinem Tagebuch möchte ich hier mit euch teilen.
Eure Monika

26. August 2006

Nun bin ich schon 2 Wochen im Nest! Seitdem wurden 6 neue Kinder aufgenommen:
Ein Junge ist aus dem Gefaengnis. Wenn man ihn fragt, wo sein Zuhause ist antwortet er “das Gefaengnis”. Das ist schon ganz schoen heftig, da Gefaengnisse hier in Kenya ja nicht gleichbedeutend mit den Gefaengnissen bei uns sind. Vier Kinder sind aus einem anderen Heim gekommen. Auch ihre Eltern sind inhaftiert und deshalb sind sie nun im Nest. Das Nest ist das einzige Projekt in Kenya, das sich um jene Kinder kuemmert, deren Muetter inhaftiert sind. Drei der vier Kinder aus dem anderen Heim sind indischer Abstammung. Ihr koennt euch nicht vorstellen welche Aufregung herrschte, als diese drei Jungs ins Nest kamen! Die Kinder und Mitarbeiter waren total perplex, denn heimatlose indische Kinder in Kenya haben sie noch nie erlebt.

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Das vierte Kind aus dem anderen Heim -ein Maedchen- kam mit einem schlimmen Kraetze Befall. Wir mussten sie leider sofort isolieren, denn wenn Kraetze die Runde macht, ist es so bei so vielen Kindern schwer, sie wieder loszuwerden. Ich hoerte, dass vor 3 Jahren eine Kraetzeepedemie ausgebrochen sei und niemand verschont blieb… Die Kleine ist jetzt voruebergehend mit einer Betreuerin im Half-Way-House bis die Ansteckungsgefahr vorbei ist. Das sechste Kind -ein 1 Monate altes Baby- wurde anonym ausgesetzt. Der Kleine ist ein bisschen unterernaehrt, entwickelt sich aber praechtig. Ausgesetzte Babies sind keine Seltenheit in Kenya. Von großer Armut betroffene Frauen setzten ihr Baby oft aus, weil sie fuerchten sie koennten ihm keine Zukunft bieten. Zumindest bleibt so die Hoffnung, dass das Baby in einem Heim landet. Wenn einer Frau allerdings ihre Tat nachgewiesen werden kann, muss sie ins Gefaengnis. Mit den Vaetern geschieht nichts. Ungerecht, aber ist so.

8. September 2006

Gerade haben wir Gelbsucht in der Nursery (Babyzimmer). Momentan sind erst zwei Kinder betroffen aber wahrscheinlich werden in der naechsten Zeit noch einige krank werden. Der Arzt sagte, dass das bei Kindern nicht so schlimm sei und hier was vollkommen Normales. Mal sehen, ob sich das bewahrheitet. Ich bin auf jeden Fall geimpft und irgendwie ist das beruhigend. Ich wuerde ungerne krank werden.

Seit Samstag regnet es auch hier. Es ist ungemuetlich kalt, windig und grau verhangen. Die Waesche trocknet einfach nicht! Die vielen Stoffwindeln, die fuer alle Babys benoetigt werden muessen ueber einem Kohlefeuer getrocknet werden- einige Windeln tragen schon Spuren davon. Aber es hilft nichts, sie muessen trocken sein, sonst werden die Hintern der Kleinen ueber Nacht wund. Ich hoffe es reisst bald mal wieder auf, sonst muss ich mir noch warme Sachen kaufen – sogar mit 2 Fleecejacken friert mich!

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12. September 2006

Heute bin ich in das Dorf Limuru gelaufen um eine Email Nachricht an meinen Freundeskreis in Deutschland zu versenden. Leider bin ich mal wieder an der Internetverbindung gescheitert! Die Verbindung funtionierte entweder gar nicht oder nur im Schneckentempo. Ich habe sogar das Internetcafe zwischenzeitlich gewechselt, da ich dachte, dass das Problem liege vielleicht an der Verbindung, aber leider war dem nicht so. Die Uhren ticken in Kenya einfach anders und sich zu aergern nuetzt gar nichts.

14. September 2006

Endlich hatte ich einmal die Gelegenheit ins Gefaengnis mitzufahren! Heute war Besuchertag im Gefaengnis- dieser findet alle 6 bis 8 Wochen statt und wird von der Gefaengnisleitung organisiert. Das Nest bringt die Kinder anlaesslich dieses Tages dorthin. Es ist die einzige Moeglichkeit, dass die Kinder ihre Muetter sehen koennen.

Im Frauengefaengnis von Langata gibt es drei verschiedene Zellen, in denen die Frauen gefangen gehalten werden. Die verurteilten Frauen mit kleinen bis mittelschweren Verbrechen duerfen am Besuchertag unter Aufsicht die Zelle verlassen und in einem abgegrenztem Gelaende außerhalb der Mauern ihre Kinder empfangen. Jene Frauen, deren Urteil noch nicht ausgesprochen wurde, sind in einem gesonderten Komplex untergebracht, den sie nicht verlassen duerfen. Besucher koennen nur durch ein kleines Fenster mit ihren Angehoerigen sprechen – und wo eigentlich Platz fuer 300 Frauen waere, sind dort um die 650 Frauen untergebracht! Z.T. mit Kleinkindern auf dem Arm! Die Zustaende sind für deutsche Verhaeltnisse katastrophal, haben sich aber in den letzten Jahren nach Angaben ziemlich gebessert. Die dritte Kategorie ist die jener Frauen, die schwerste Verbrechen begangen haben. Hier besteht keine Moeglichkeit, dass die Frauen ihre Kinder treffen koennen.

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Der Großteil der Frauen, deren Kinder (zur Zeit) im Nest leben konnten an diesem Tag ihre Zelle verlassen. Die Wiedersehensfreude war groß!
Was mich erstaunte war die Tatsache, dass außerhalb der Gefaengnismauern anlaesslich des Besuchertages richtige Partystimmung herrschte. Die Gefaengnisleitung hatte Zelte aufgebaut; eine Huepfburg fuer die Kinder; es gab Essen und sogar eine Tanzgruppe trat auf! Ja, am Ende des Tages tanzten Gefangene, Waerterinnen, Besucher und Kinder… Irgendwie ganz schoen verrueckt! Fuer solche Aktivitaeten wird Geld ausgegeben (wahrscheinlich sponsert eine Firma diesen Event) aber fuer die taegliche Versorgung der Kinder oder der Verbesserung der Gefaengniseinrichtung fehlt es an allen Ecken und Enden?! Welche Prioritaeten werden hier gesetzt? Ich hatte den Eindruck, dass der Besuchertag dazu dient das Bild des Gefaengnisses in der Oeffentlichkeit einfach nur aufzupolieren und eine Realitaet zu vermitteln, die aufgesetzt und unnatuerlich ist. Vielleicht um an einem Tag das ganze Elend zu vergessen?

19. September 2006

Das Wochenende war anstrengend. Es faellt mir manchmal einfach schwer mit den Mentalitaetsunterschieden umzugehen. Was mir z.B. zu schaffen macht ist der Umgang mit Zeit. Ich trage hier schon keine Uhr mehr, denn das waere fatal! Aber manches Mal muss bzw. sollte man die Zeit schon einhalten, so zum Beispiel zum Gottesdienst am Sonntagvormittag. Die Kirche ist eine halbe Stunde Fussweg entfernt. Die Kinder gehen gern in die Kirche und fragen meist schon ab Dienstag, ob wir am Sonntag den Gottesdienst besuchen koennen. Dieser beginnt ja gewoehnlich immer um die selbe Zeit – doch meint ihr, wir haetten es geschafft puenktlich loszukommen? Als wir losgehen sollten, war ich als Einzige bereit. Ich hatte vorsorglich schon mal das Gemuese und die Karfoffeln fuer das Mittagessen zubereitet, damit diese Arbeit fuer die Kinder entfallen wuerde. Auch hatte ich geholfen das Fruehstueck (gekochte Suesskartoffeln) bereitzustellen. Doch die Kinder und Hausmuetter brauchten so lange um sich zu waschen, anzuziehen, einzucremen etc. dass wir erst mit einer Stunde Verspaetung losgekamen! Und natuerlich viel zu spaet in der Kirchen eintrafen. Aber aergern hilft auch nichts, denn dadurch aendert sich nichts. Und außerdem: wir waren nicht die einzigen die zu spaet kamen!

22. September 2006

Eigentlich hatte ich ja gedacht, mich koenne nichts mehr so leicht aus der Bahn bringen – doch am Samstag hat’s mich voll erwischt. Das kam so: am Freitagvormittag rief die Sozialarbeiterin vom Nest aus dem Gefaengnis an. Ein Kind einer inhaftierten Mutter waere abzuholen und das Nest-Auto solle so schnell wie moeglich vorbeikommen. Abgeholt wurden letzlich DREI Kinder! Die anderen beiden -ein Maedchen und ein Junge- seien ein absoluter Notfall hiess es. Als ich die beiden bei ihrer Ankunft im Nest zum ersten Mal sah, kamen mir die Traenen. 5 und 3 Jahre alt – aber so kleine Wutzerl! Nur 6,8 und 6,2 kg schwer – voellig unternaehrt! Parasiten in den Fußsohlen; Arme und Beine dünn wie Steckerl. Das Maedchen psychisch sehr beeintraechtigt – Selbststimmulation erinnert an Hospitalismus. Sobald man ihr naeher kommt, faengt sie an zu schaukeln und mit den Armen zu wirbeln. Wahrscheinlich Stress! Außerdem hat sie tiefe Brandnarben an Armen und Beinen. Und als waere das nicht schon genug – fehlen ihr auch noch einige Finger an der linken Hand. Ich konnte meinen Augen kaum trauen.

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Ich erfuhr, dass die Mutter wohl aus aermsten Verhaeltnissen kommt und waehrend der Schwangerschaft Changaa (selbstgebrauten Alkohol) und Rauschmittel zu sich genommen habe. Und genau deshalb, ist sie jetzt auch inhaftiert. Wie lange ist noch ungewiss. Und was wird aus den Kindern? Sie werden sich nie mehr ganz erholen koennen von ihrem Leid. Aber erstmals in ihrem Leben koennen sie nun Geborgenheit im Nest erfahren. Und VIEL Aufmerksamkeit koennen wir ihnen schenken!

25. September 2006

So, die letzte Woche hat begonnen. Die Zeit, die ich hier im Nest verbringen konnte, ist verflogen! Schön wars – zu kurz wars. Na, dann muss ich halt mal wieder kommen.

Am Wochenende gab es dann noch etwas ganz Außergewoehnliches im Nest. Zwei franzoesische Kinder aus Nairobi wollten ihren Geburtstag zusammen mit Freunden im Nest feiern und so auch die Nestkinder teilhaben lassen. Eine schoene Idee! Da gab es Trampoline und eine Vorstellung von Akrobaten, bei der die Kinder auch mitmachen konnten. Auf dem Trampolin war staendig Hochbetrieb, macht ja auch Spass und ist gut zum Austoben und man schult dabei gleichzeitig Koordination und Beweglichkeit. Ein Riesenspaß war der Tag und die Nest Kids erinnern sich sicherlich noch lange daran.

Für mich heisst es nun in ein paar Tagen Abschied nehmen – von den Kindern, den Mitarbeiterinnen, von dem Nest und von unvergesslichen Erlebnissen.

Kwa heri ya kuonana (Auf Wiedersehen und bis bald) das bleibt mir noch zu sagen.